Interview mit Weltreporter Clemens Bomsdorf

Was er an Skandinavien schätzt, worüber er am liebsten berichtet und wie das war mit Charlotte Gainsbourg – darüber spricht Clemens Bomsdorf, Weltreporter aus Kopenhagen

Sie waren 2004 Gründungsmitglied der Weltreporter und arbeiten seitdem als Korrespondent in Skandinavien. Was fasziniert Sie an den „nordischen Ländern“?

Es gibt ein paar Dinge, die „die nordischen Länder“ einen. Land und Leute sind ziemlich gut organisiert und unaufgeregt. Politik und Bürokratie laufen reibungslos. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen, vor allem Island ist doch ein ziemliches Klüngelland. Allerdings sind die Leute zwar stets freundlich, aber sehr selten gesellig. Wobei ich da die Erfahrung gemacht habe, dass auch hier Island ebenso wie Norwegen eine Ausnahme ist. Aber das sind letztlich natürlich alles persönliche Erfahrungen, wobei meine ausländischen Bekannten sowie eine Umfrage von Internations das stützen. In den Gesellschaften als Außenstehender, also Ausländer, anzukommen, ist sehr schwer. Weil ich viel über Kunst schreibe, reise ich auch immer wieder nach Italien. Was die Gastfreundschaft und Lebensfreude angeht, fühle ich mich da wohler. Zugleich bin ich froh, dass in Nordeuropa genau die Dinge ziemlich gut klappen, die im Süden nicht gerade perfekt funktionieren.

In welchen Themenbereichen arbeiten Sie hauptsächlich?

Die Mischung meiner Spezialgebiete überrascht immer wieder: Wirtschaft und Kultur. Ich finde das aber eine sehr interessante und letztlich auch passende Kombination. Natürlich berichte ich auch über Politik und Gesellschaft, lediglich der Sport bleibt außen vor. Gerade habe ich ein Buch über den norwegischen Ölfonds geschrieben. Ich habe geschaut, was Privatanleger von diesem staatlichen Fonds lernen können. Es ist überraschend viel.

Gibt es „Modethemen“, die in Wellen aufkommen und dann von vielen Publikationen bei Ihnen angefragt werden? Wie viele Geschichten haben Sie etwa schon über die Fahrradstadt Kopenhagen geschrieben?

Klar gibt es die, und soweit es sich nur oder überwiegend um ein Klischee handelt, versuche ich derartige Themen zu meiden. Vermutlich hätte ich viel Geld damit verdienen können, irgendeinen affirmativen Quatsch über Hygge zu schreiben, bin aber ein klein wenig stolz, dieses Klischee-Thema ausgeklammert zu haben. Die Fahrradstadt Kopenhagen hingegen ist ein Thema, das modern, nicht aber modisch ist, und über das ich immer gerne wieder schreibe – erst recht derzeit, wo in Deutschland von kostenlosem Nahverkehr und Dieselfahrverboten die Rede ist.

Haben Sie auch schon über die dänische Königsfamilie geschrieben?

Nur ganz am Rande, dafür habe ich das norwegische Königspaar interviewt und einmal ein langes Gespräch mit der norwegischen Königin geführt. Das war keine Hofberichterstattung, wir sprachen über ihre Kunstsammlung. Königin Sonja gab sich mir gegenüber das erste Mal offiziell als Feministin aus und erzählte, wie ihr Schwiegervater – der frühere König also – sie gedemütigt hat. Diese Offenheit schätze ich an Nordeuropa auch sehr.

Was war die aufregendste, spektakulärste Geschichte, die Sie in Skandinavien recherchiert haben?

Da gibt es ein paar. Vor ein paar Jahren wurde in New York der „Schrei“ von Edvard Munch versteigert, und ich habe aufwändig die Provenienz des Gemäldes recherchiert und zeigen können, dass Nachfahren des früheren Besitzers mit dem Verkauf nicht zufrieden waren, weil es sich um Fluchtkunst gehandelt hat. Ein anderes Gespräch, von dem ich immer wieder gerne erzähle, ist das Interview mit der Pornodarstellerin Elvira Friis, die Körperdouble von Charlotte Gainsbourg in Lars von Triers Film „Nymphomanic“ war. Während alle Medien Interviews mit Gainsbourg veröffentlichten und sie immer Ähnliches erzählte, war ich der Einzige, der mit ihrem Hintern gesprochen hatte. Sie entsprach überhaupt nicht dem Klischee einer Pornodarstellerin, sondern war sehr reflektiert und sympathisch.

Welche Geschichte würden Sie gerne machen und konnten sie bis heute nirgendwo unterbringen?

Das werde ich nicht verraten, denn die werde ich noch unterbringen.

Arbeiten Sie lieber als Freelancer oder als Festangestellter? Warum?

Von 2012 bis 2014 war ich bei „The Wall Street Journal“, der größten amerikanischen Tageszeitung, als Korrespondent festangestellt. Es gab ein sattes Gehalt und ein Spesenbudget, so wie es sein sollte. Das war sehr spannend. Weniger schön war, fernab jeglicher Chefs und Kollegen zu arbeiten. Die saßen in Stockholm, London und New York und ich traf sie nur ab und an. Ich habe spannende Geschichten gemacht – längst nicht nur Wirtschaft. Doch letztlich schätze ich die Freiheit als Freiberufler noch mehr, und es müsste schon ein sehr spannendes Angebot kommen, damit ich mich wieder fest anstellen lassen würde. Thematisch bin ich offener, und auch als freier Journalist ist es möglich, ein angemessenes Gehalt zu verdienen. Natürlich muss die Qualität der Arbeit stimmen.

Sie sind seit 2004 Mitglied bei den Weltreportern. Welche Vorteile bietet dieser Verband Ihnen?

Weltreporter bietet uns Einzelkämpfern im Ausland die Möglichkeit, uns auszutauschen und für guten Auslandsjournalismus eine Lobby zu bilden. Wir stemmen Projekte gemeinsam, wie ein Magazin und einen Podcast, und versuchen deutschen Lesern und Zuhörern zu vermitteln, was alles in der Welt geschieht – auch fernab der Tagespolitik. Die Zahl der festangestellten Korrespondenten sinkt, da sind wir immer wichtiger.

Mit welchem Ihrer internationalen Weltreporter-Kollegen würden Sie gerne mal für ein Vierteljahr tauschen?

Wenn ich deren sprachliche und fachliche Kompetenz hätte, dann wäre es einer meiner Kollegen in Ägypten, dem Irak oder aus der Region. Diese Länder haben nichts von der Ordnung und Stabilität Skandinaviens und spielen weltpolitisch eine besondere Rolle. Gleichzeitig ist es, was die Sicherheit angeht, oft schwierig dort zu leben und zu arbeiten. Dass es dort Weltreporter gibt, ist sehr wichtig, und manchmal habe ich beinahe ein schlechtes Gewissen, dass ich in einer Gegend bin, in der die ungeheuer hohen Preise und Steuern und die Kälte der Menschen die größten Problem sind. Aber natürlich ist mein Job in Nordeuropa auch wichtig, nur eben auf andere Art. Nordeuropa ist vor allem für den viel diskutierten Constructive Journalism eine gute Quelle von Geschichten.

Für welche Medien arbeiten Sie hauptsächlich?

Ich schreibe nicht mehr tagesaktuell für Zeitungen. Meine Beiträge erscheinen in „Focus“, „Die Zeit“, Deutschlandfunk, „KressPro“, „The Art Newspaper“, um nur ein paar zu nennen.

Mehrfach haben Sie schon für Hopp und Frenz Content House geschrieben. Wie teilt sich Ihre Arbeit zwischen Editorial Publishing und Content Marketing auf?

Die klassischen kommerziellen Medien überwiegen eindeutig.

In welchem der Bereiche arbeiten Sie lieber?

Mir gefällt die Mischung. Die Content-Marketing-Objekte, für die ich schreibe, sind meist an Themen jenseits der aktuellen Lage interessiert und bestellen für gewöhnlich weit im Voraus. Das macht das Planen und Schreiben entspannter als bei Wochenpublikationen. Wichtig ist mir, dass ich keine Vorgaben bekomme, die aus Corporate Publishing Werbung machen.

Inwieweit macht sich die digitale Transformation des Journalismus in Ihrer Arbeit bemerkbar?

Digitale Transformation ist für mich ein Begriff, der eigentlich schon überholt ist. Mein Büro ist fast zu 100% digital, das mag auch an meinem nordeuropäischen Umfeld liegen. Ich wundere mich immer wieder, wenn ich in Deutschland mit Journalistenkollegen zusammensitze und die schreiben noch mit einem Kuli in einen Block. Bemerkbar macht sich die zunehmende Digitalisierung unserer Branche bei mir auch dadurch, dass ich immer wieder gebeten werde, zu berichten, wie nordeuropäische Medien es schaffen, stark digital zu wachsen oder durch Automatisierungen wie Roboterjournalismus zu profitieren. Denn in Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden nutzen noch viel größere Teile der Bevölkerung Internet und sogar Leute über 60 sind auf Snapchat sehr aktiv.

Über die Weltreporter

49 Korrespondenten rund um den Globus arbeiten für die Weltreporter – von Athen bis Washington. In Kopenhagen ist Clemens Bomsdorf stationiert. Seit 2004 berichtet er aus Dänemark und den anderen skandinavischen Staaten. Clemens Bomsdorf hat die Kölner Journalistenschule absolviert und in Köln und Stockholm studiert. Aktuell erscheint bei Campus sein Buch „So werden Sie reich wie Norwegen“ über den norwegischen Ölfonds.

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