Food-Magazine

Über Geschmack lässt sich nicht streiten – aber wunderbar diskutieren! Was für das eine Magazin titelwürdiger „Foodporn“ ist, schafft es beim anderen nicht mal ins letzte Heftdrittel. Fünf sehr unterschiedliche Food-Magazine zeigten beim 13. Blattkritik Salon, wie sie versuchen, den individuellen Geschmack ihrer Leser zu treffen

Lesen Sie hier einige Statements unserer Podiumsgäste

„Lafer wäre ein Wiener Schnitzel für 39 Euro.“

Wolf-Christian Fink, Chefredakteur Lafer

„Beef wäre ein alter Whisky. Oder ein schöner Rotwein.“

Jan Spielhagen, Chefredakteur BEEF!

„EatSmarter! wäre eine bunte, frische, knackige Buddha Bowl.“

Helena Jacoby, Redakteurin EatSmarter!

„Port Culinaire wäre ein Casual-Fine-Dining-Gericht, bei dem Gemüse und die Fisch- oder Fleischbeilage auf dem Teller gleichberechtigt angerichtet sind.“

Thomas Ruhl, Herausgeber Port Culinaire

„Effilée wäre eine Weißweinschorle.”

Vijay Sapre, Herausgeber Effiée


Über Geschmack lässt sich nicht streiten – aber wunderbar diskutieren!

Text: Eva Book

 

Jeder muss essen. Doch für jeden bedeutet Essen etwas anderes – und es wird zunehmend zum Instrument der Differenzierung und Distinktion. Das stellten Michael Hopp und seine Co-Moderatorin Jasmin Shamsi, Food-Redakteurin bei Szene Hamburg, zu Beginn des 13. Blattkritik Salon Hamburg fest. Für die Wenigsten geht es bei den Mahlzeiten um reine Nahrungsaufnahme. Liebhaber der Haute Cuisine jagen weltweit Köchen mit Michelin-Sternen hinterher, Fitnessbegeisterte wollen ihren Nährstoffbedarf zielorientiert decken und Vegetarier und Veganer finden durch Verzicht zum Genuss.

Spitze Zielgruppenansprache – ob offline oder online

Die diversen Anspruchsgruppen sind Grundlage für ein mächtiges Mediengenre, das sich seit den 1970er-Jahren entwickelt hat. Inzwischen lebt das Thema Food vor allem vom Gemeinschaftsgedanken unter Hobbyköchen und Feinschmeckern. Ein Aspekt, der besonders gut im Internet funktioniert. In Communities vernetzen sich Foodies weltweit und tauschen Rezepte, Restauranttipps und Küchentricks aus. Es existiert eine Masse an digitalen Angeboten wie Rezept-Plattformen, Blogs und Videos.

Braucht es da überhaupt noch gedruckte Food-Magazine? Offenbar schon: Im letzten Jahr listete der Verband der Werbeträger IVW 31 Esszeitschriften in Deutschland mit einer verkauften Auflage von ca. 2,5 Millionen. Viele Indie-Magazine oder neugegründete Nischentitel sind darin noch gar nicht enthalten. Die anwesenden Magazine spüren zwar den Druck durch die Online-Konkurrenz, was im Laufe des Abends immer wieder anklingt, finden im Vergleich zu manch anderen Magazingenres aber am Kiosk immer noch großen Zuspruch. So findet jeder Besseresser sein Medium – und der Individualisierungs-Hype wird sowohl von den Printtiteln als auch online aufgegriffen und zu einer spitzen Zielgruppenansprache verdichtet.

Fleischgewordene Männerträume

Zum Blattkritik Salon Hamburg luden Hopp und Frenz fünf Vertreter der vielfältigen Food-Magazinlandschaft ein: Effilée, EatSmarter!, Port Culinaire, Lafer und Beef!. Fünf sehr unterschiedliche Gänge, die in der Summe den Geschmack eines breiten Publikums trafen: Das Content House war so voll wie noch nie!

Das Magazin Beef! inszeniert fleischgewordene Männerträume. „Ich glaube, dass Beef! ein Heft ist, das niemandem egal ist. Es ist von vorne bis hinten ein Statement. Alles in Beef! ist von überdurchschnittlicher Intensität, fast schon Penetranz“, resümiert Michael Hopp seine Kritik. Jasmin Shamsi bedauert, dass sie als Leserin an mancher Stelle deutlich ausgeschlossen wird. Das nimmt Chefredakteur Jan Spielhagen jedoch in Kauf: „Der Mann muss das Gefühl haben: Das ist meins! Deshalb zeigen die erste und die letzte Seite von Beef! deutlich: For men only.”

Kult um Starköche

EatSmarter!, das Redakteurin Helena Jacoby vertrat, setzt voll auf den Gesundheitstrend und präsentiert sich als klarer Nutzwert-Titel voller leichter Rezepte und „Healthy Hints“. Jasmin Shamsi lobt die vielen Informationen über gesunde Ernährung und auch Hopp bestätigt diesen Aspekt: „Das ist bei Nutzwert-Titeln absolut erfolgsrelevant. An der Vielzahl an Informationen leiden allerdings auch Struktur und Übersichtlichkeit.“

Ein weiterer Trend auf dem Markt der Food-Magazine: der Kult um Starköche. Große Namen wie Tim Mälzer, Cornelia Poletto oder Tim Fehling versprechen den Lesern Einblicke in die Küchen der Profis. Nachdem schon Jamie Oliver 2011 sein eigenes – inzwischen aber eingestelltes – Magazin in Deutschland herausbrachte, ist seit Herbst 2017 nun auch das Magazin von Johann Lafer erhältlich, dessen Chefredakteur Wolf-Christian Fink auf dem Salon-Podium saß. Fans des gut gelaunten Gourmetkochs werden im Magazin nicht enttäuscht, sagt Hopp: „Wo Lafer drauf steht, ist er auch mit Herz und Seele drin. Bodenständig, gut gelaunt – aber leider auch wenig überraschend.“

Keine klassischen Kiosk-Titel

Auch Vijay Sapre und Thomas Ruhl präsentierten ihre Magazine den Kritikern. Sowohl Sapres Effilée als auch Ruhls Port Culinaire sind keine klassischen Kiosk-Titel, sondern sprechen eine exklusive Zielgruppe an. Ihre Leser kennen sich aus in der gehobenen und internationalen Küche. Sapre bezeichnet Effilée als kulinarisches Kulturmagazin, das allerdings, wie Hopp kritisiert, den Leser nicht an die Hand nimmt und zu viel Insiderwissen voraussetzt. Im Vergleich zu Online findet Sapre die Platzknappheit und die Verbindlichkeit bei Print sehr wertvoll: „Online haut man die Sachen schnell raus in die Welt und repariert sie dann währenddessen: Contstant Prototyping. Aber bei Print gibt es eine Deadline, zu der alles stehen muss und es ist schön, auch mal etwas verbindlich fertig zu machen.“

„Digital hat bei Port Culinaire keine Chance“, sagt Herausgeber Thomas Ruhl über seinen Titel. „Das ist ein Sammelband, den die Leser zu Hause stehen haben wollen.“ Er fordert seine Leser mit spannenden, aber nicht gerade leicht konsumierbaren Geschichten heraus. Während Hopp für sich selbst ein ambivalentes Fazit zieht, resümiert Kritikerin Shamsi: „Port Culinaire setzt auf Understatement und richtet sich klar an Profis. Vom Leser wird ein gewisses Grundwissen erwartet. Unglaublich schön sind die Fotos, die schon fast eigene Kunstwerke sind.“

Und: Nicht nur bei Lafer ist die Marke größer als das Magazin selbst: Von Beef! gibt es etwa Bratpfannen und bald auch Restaurants und EatSmarter! bietet Kochkurse.

Der Abend in der Slideshow

Hier geht’s zum Nachbericht des Blattkritik Salons #14 – #vanlife | Surf-, Abenteuer- und Reisemagazine