„Unbegreiflich, wie man das so groß machen kann“

Im Rahmen des BLATTKRITIK SALONS zum 10-jährigen Bestehen von Hopp und Frenz hielten Michael Hopp und ADC-Expertin Anja Steinig eine Blattkritik des „Spiegel“. Dabei wurde auch die Gewichtung der Themen zur Diskussion gestellt.

 

Als Gäste bei diesem besonderen BLATTKRITIK SALON waren „Spiegel“-Nachrichtenchef Stefan Weigel und Anja Steinig, Art Directorin und Leiterin Editorial Design im Art Directors Club für Deutschland, als Mit-Blattkritikerin eingeladen. Als Nachrichtenchef sowohl des gedruckten Magazins als auch von „Spiegel Online“ steht Weigel für eine Zeitenwende: das gerade erfolgte Zusammengehen von Print und Online.

„Print- und Online-Kollegen beginnen jetzt abzuschätzen, wie wichtig
der jeweils andere wohl ist. Das ist sehr unterhaltsam.“

Stefan Weigel, DER SPIEGEL

Michael Hopp eröffnete den Abend mit einem Geständnis: Seit 50 Jahre verbindet ihn eine Liebesgeschichte mit dem „Spiegel“, eine inzwischen enttäuschte Liebe. Die verlief in verschiedenen Etappen. Als 13-Jähriger liegt Michael im Krankenhaus und liest alles, was ihm in die Finger kommt; auch – und ab da regelmäßig – den „Spiegel“. Zwanzig Jahre später kommt er als „Tempo“-Autor auch deshalb nach Hamburg, weil hier der „Spiegel“ gemacht wird. Nochmals zwanzig Jahre später ist er entsetzt, dass journalistische Coups wie die Panama-Papers regelmäßig am einstigen Sturmgeschütz der Demokratie vorbeigehen.

„Der ,Spiegel’ war für uns der Journalismus selbst,
die vierte Gewalt.“

Michael Hopp, HoppundFrenz

Mit „Operation Kanzleramt“ macht die Ausgabe 25/2019 des „Spiegel“ auf. Gleich am Titel entzündet sich die Kritik von Hopp und Steinig. Erkennen alle Leser das Kanzleramt? Und kann Rollrasen wirklich als Symbol für die Grünen stehen? Da sind beide gleichermaßen skeptisch. Einig sind sie sich auch im Lob eines Interviews mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, das sei gelungen in Layout und Inhalt. Auch der „Literatur-Spiegel“ begeistert beide.

Doch nicht immer sind sie einer Meinung. Die Auftaktseite des Ressorts „Gesellschaft“ findet Anja Steinig angenehm leicht in der Gestaltung und Michael Hopp „absolut gaga“ im Themenmix. Überhaupt ist Michael mit der Mischung und Gewichtung der Themen sowie dem Konzept der Ressorts unzufrieden. Sollten die Beiträge in einem Ressort wirklich für die wichtigsten Themen der Woche aus diesem Bereich stehen? Dann fehlt ihm einiges. „Keine Frauen-WM, nichts über 50 Jahre Internet, viel zu wenig Innovation.“

„Beim Flüchtlingsthema hätte ich mir mehr Bilder
gewünscht, um den Leser emotional anzusprechen.“

Anja Steinig, ADC

Und was es ins Magazin geschafft hat, findet er oftmals falsch dimensioniert. „Unbegreiflich, wie man das so groß machen kann“, urteilt er über die Geschichte über eine Vorstandsfrau der Agentur für Arbeit. Manchmal wird in der Schärfe seiner Kritik der enttäuschte Liebende spürbar („schreckliche Strecke“, „wahnsinnig seicht“).

Zwei Stellen entdeckt Michael im Magazin, in denen noch der Geist des enttarnten Claas Relotius zu wehen scheint – zwei Beschreibungen von Szenen, bei denen der*ie Autor*in offensichtlich nicht anwesend war. Die sieht auch Weigel kritisch, der in der Relotius-Kommission mitgearbeitet hat. Die Lehren aus dem Fall würden jetzt nach und nach umgesetzt, erklärt er. Und erzählt, wie erfindungsreich der Fälscher seine Geschichten durch die internen Kontrollen laviert hat. „Ich wär’ bestimmt auch auf ihn reingefallen“, bekennt Weigel, der erst nach der Affäre zum „Spiegel“ kam.

Mit der teils scharfen Kritik umzugehen, machte dem erfahrenen Journalisten Weigel nichts aus. Er kennt es aus der internen Blattkritik beim „Spiegel“. Und er weiß, dass vieles auch Ansichtssache ist.

„In unserer Blattkritik fiel das Gauck-Interview
durch. Es sei zu liebedienerisch.“

Stefan Weigel, DER SPIEGEL